THE CONCERT
KING ÜBÜ ÖRCHESTRÜ
LIVE AT TOTAL MUSIC MEETING 2003, BERLIN
Preis: 15.10 €
Bestell-Nr.: 009
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Wolfgang Fuchs contrabass clarinet, bass clarinet, sopranino sax
Peter van Bergen tenor sax
Radu Malfatti trombone
Melvyn Poore tuba
Phil Wachsmann violin, live electronics
Anne LeBaron harp
Bertram Turetzky double bass
Fernando Grillo double bass
Paul Lytton percussion, live electronics
   
Guest vocalists:
Boris Aljinovic actor/speaker
Phil Minton voice
Irena Bart-Greiner soprano
   
   
01.
Intro Urs Jaeggi
06:06
02.
The Concert
44:32
03.
Warming Up I
05:39
04.
Warming Up II
11:58
 
Total time:  68:24

All music by Fuchs (GEMA), van Bergen (BUMA/STEMRA), Malfatti (GEMA), Poore (GEMA), Wachsmann (PRS/MCPS), LeBaron (ASCAP), Turetzky (BMI), Grillo (SIAE ), Lytton (PRS/GEMA), Bart-Greiner, Minton (PRS/MCPS), Aljinovic


Recorded live at the Total Music Meeting in Berlin on Nov 7 & 8, 2003 by Hrólfur Vagnsson
Assistance: Carsten Klopfer
Mixed and mastered by Hrólfur Vagnsson & Wolfgang Fuchs
Produced by Helma Schleif, John Rottiers, Peter van Bergen, Phil Wachsmann, Melvyn Poore, Wolfgang Fuchs
Booklet-Cover (motive): Franciszka Themerson (Ubu Comic Strip, 1970)
Design: wppt:komunikation

Thanks to Urs Jaeggi, John Rottiers (Radio Centraal, Antwerp), Jasia Reichardt, Nick Wadley (Themerson Archive, London), Klaus Horngacher (Horngacher GmbH, Starnberg) and all contributors for their generous support

DDD
LC 12005
EAN-Code: 4260013680101
P + C 2004

 
First released: Nov 4, 2004
 

Zwanzig Jahre King Übü Örchestrü
Der Maler sitzt vor der weißen Leinwand
Oder
Improvisierte Musik entsteht aus der Stille heraus
Oder
beim Übü treffen sich HörerSpieler.
Das Übü trifft sich jedes Mal wieder neu. Nicht nur wegen der Gäste, die wir manchmal einladen, sondern wegen der unterschiedlichen Entwicklungen, die jede/r Spieler/in zwischen den Übü-Treffs mit eigenen, meist kleineren Formationen macht. Insofern sind die Namen - fast immer - dieselben, aber deren Träger sind an einem anderen musikalischen Punkt angelangt als noch vor Jahren. Insofern ist das Übü jedes Mal ein neues Ensemble.
Neu dieses Mal: die Einladung an drei Vokalisten, Boris, Irena und Phil, die unabhängig voneinander und ohne vorherige Absprache sich um den Text des Theaterstückes von Alfred Jarry, Ubu Roi (1896) kümmerten und Teile daraus musikalisch bearbeiteten.
Dass auch hier die siebten Sinne der Übüs produktiv wirkten, zeigt die zweiminütige Stille kurz vor Ende des ersten Stückes, die durch einen Satz eingeleitet wurde, von Boris repetitiv eingebracht und in Deutsch gesprochen - nur: die Hälfte dieser Übü-Besetzung spricht kein Deutsch.
Alles in allem ermuntert uns das vorliegende Ergebnis, dieses Projekt weiterzuführen
Es lebe Übü.

Wolfgang Fuchs, 8.8.04

P.S.: Dank an Urs für die Einleitung und an diejenigen, die diese CD-Produktion durch ihren Beitrag ermöglichten.


Vorrede von Urs Jaeggi
Ich soll eine Einleitung halten, eigentlich war ich nicht dafür vorgesehen, aber beim zweiten Tor, das Hertha BSC heute Abend geschossen hat, hat mich der Anruf erreicht, und ich habe dann gesagt: gut.
Ich könnte jetzt natürlich - eigentlich könnte man mit Roi Ubu auch anfangen: U-a-a-h-o-o-o so sagen, oder, sein berühmtes Merdre: Mer-, mer-, merd, merdr, merdre, oder Schreisse, Schei-, sch- ....
Das ist ja eigentlich das Witzige beim Jarry, dass er davon lebt, dass er Scheisse nicht Scheisse genannt hat, sondern dass es einfach ein ungewöhnliches Theaterstück ist, das mindestens meine Generation später sehr beeinflusst hat, weil, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam das Absurde Theater, und das war eigentlich das Theater, das uns interessiert hat. Das war Ionesco, Adamov, natürlich Beckett, und von der Sprache her ist es vielleicht schwierig, Jarry mit diesen Leuten zu vergleichen, und trotzdem, die Art und Weise, wie er mit Realität umgegangen ist, wie er das angepackt hat, war einfach für uns damals etwas, was man weder in der Schule noch woanders gelernt hat, sondern wir haben´s gelesen, wir haben´s selbst probiert zu spielen, und das war halt etwas wirklich Tolles.

"Bei meinem grünen Kerzenstiel, Furz, ich glaub´, ich hab´ ihn kleingemacht, bei meinem grünen Kerzenstiel..."
Das Stück hat ja verschiedene Namen gehabt und hieß u.a. auch Les Polonais, wobei ich jetzt nicht habe nachforschen können, warum. Es hat mich sehr überrascht. Aber es könnten eben alle gewesen sein.
Er schreibt: "Kocht 150 Ochsen und Schafe." Es ist ein Stück, wo ich sehr neugierig bin, wie Musik das umsetzt. Und nachdem, was ich bis heute auf diesem Meeting gehört habe, denke ich, das wird eine ganz tolle Geschichte. Philippe Soupault, einer der bedeutenden Surrealisten Frankreichs, hat gesagt, "Jarry hat, was wir alle gern gewollt hätten: reinen Tisch gemacht". Und das schreibt er ungefähr 40 Jahre später, also sieht man, was Jarry damals provoziert hat, indem er versuchte, reinen Tisch zu machen. Indem er 150 Ochsen kochen wollte und Schafe. Er wollte reinen Tisch machen mit den Herrschaften, und er hat´s gemacht. "So, meine Herren, jetzt wollen wir das Kalbfleisch probieren."
Und, bevor die Musiker kommen und spielen, Jarry über Jarry: "Er ist weder genau Monsieur Tiers noch der Bürger, noch der Flegel, eher wäre er der vollkommene Anarchist mit jenem Etwas, das uns hindert, zum vollkommenen Anarchisten zu werden. Er ist Mensch, daher Feigheit, Unrat, Hässlichkeit, usw."
Von den drei Seelen, welche Plato unterscheidet: Kopf, Herz und Wanst, ist allein letztere bei ihm nicht embryonal. Und zum Schluss, ich weiß nicht, was der Name Ubu bedeutet, welcher vielleicht die Abstraktion eines zufälligen, nicht vorkommenden Prototyps ist.
Expect, vielleicht ein Geier, doch ist das nur eine Seite seiner Rolle. Wenn er einem Tier gleicht, so hat er in erster Linie ein Schweinsgesicht, eine Nase, ähnlich dem Oberkiefer eines Krokodils, und seine Umhüllung aus Pappe macht aus ihm einen Bruder des ästhetisch abscheulichsten Meeresbewohners, des Molukkenkrebses.
Ja, da sind wir gespannt, was die Musiker daraus machen.
Ich danke.

Urs Jaeggi, 8. November 2003

Poem for King Übu Örchestrü

wisteria fronds of
Jarry-ed pronouncements
woven through
the sonic maze

a
maze
ing

sudden suspension
a delicate glass sphere...
Who would pierce
the swollen membrane?

Anne LeBaron, May 26, 2004


…It has always been in my dreams that Ubu on many levels is within the King Übü Örchestrü, the magical play of simultaneous levels of communication that allows such a sizeable group to work and integrate so well .... with unbelievable intensity married to humour and profound worldly issues and commitment ..... here it comes to bloom with the original source.

Philipp Wachsmann


I remember the concert as one of the most concentrated I´ve ever known, considering the number of musicians involved.

Phil Minton


The performance was magical. Wolfgang Fuchs was a brilliant casting director (what a great Ensemble!) and a remarkable music director who got everyone on the same page with a rare minimum of talk. This virtuoso group were also virtuoso listeners and that´s clearly the secret! It was an unforgettable night pure & simple.

Bertram Turetzky


Schreisse!
In my teens I read a lot of literature, including Ubu Roi. I thought it was stupid. Then I started to notice what real politicians were doing in the real world around me. I thought they were stupid too. And very dangerous for us all. More than three decades later, things haven't changed much, except that I no longer think Jarry's play is stupid.

Melvyn Poore


Magie des Moments - Magie der Stille
Zur Musik des King Übü Örchestrü beim Total Music Meeting 2003 in Berlin

Frei improvisierte Musik bedeutet stets ein Sich-Einlassen auf Abenteuer und Wagnis - für Musiker und Zuhörer gleichermaßen. Schon die Darbietung eines Solisten birgt Risiken in sich, gleicht einem Drahtseilakt, der auch bei einem Meister zuweilen mit einem Absturz enden kann. Aber doch kontrolliert ein Intellekt das Entstehende. Um wieviel komplizierter werden nun die Determinanten, wenn zwei, drei, gar vier oder fünf Musiker sich dem Risiko stellen, gemeinsam, im Zusammen- und Wechselspiel und ohne vorherige Absprache, zu improvisieren, also Musik aus dem Augenblick heraus zu erdenken, zu komponieren, zu erschaffen! Hier kann sich keiner hinter dem anderen verstecken, jeder ist für das von ihm Kreierte verantwortlich und gleichzeitig für das gemeinsam zu Schaffende. Eine demokratische Utopie? Nein, ganz und gar nicht! Wer Erfahrungen mit dieser Musik gemacht hat, weiß, wie beglückend es ist, wenn solche Prozesse immer wieder aufs wunderbarste gelingen.

Das King Übü Örchestrü, das üblicherweise neun oder zehn Musiker umfaßt, wurde 1983 von Wolfgang Fuchs ins Leben gerufen. In über 20 Jahren waren nur wenige Konzerte möglich, es waren bis zur vorliegenden Edition gerade einmal drei Dokumentationen greifbar (Binaurality von 1992, FMP CD 049, und Trigger Zone von 1998, FMP CD 117 sowie die Aufnahme von 1984 (uk 6), aufgenommen in der Akademie der Künste, Berlin (Music is music is...).
Am Abend des 8. November 2003 waren die Erwartungen des Publikums entsprechend hoch gespannt, und dies gleich aus mehreren Gründen: Zum einen ist jeder der seltenen Auftritte des King Übü Örchestrü wie eine rare Pretiose; zum anderen feierte das Konzert das zwanzigjährige Bestehen des Ensembles und bildete zugleich den Abschluß eines trotz schmählicher Vernachlässigung durch die Berliner Kulturverantwortlichen grandiosen Total Music Meetings. Und schließlich sollte an diesem Abend noch ein neues, reizvolles Element hinzukommen in Form von Stimmen, wie sie disparater nicht sein könnten: die klassisch geschulte Sopranistin Irena Bart-Greiner, der in der improvisierten Musik wohl einmalige britische Stimmen- und Lautvirtuose Phil Minton und schließlich der dieser komplexen Musik ganz offensichtlich aufgeschlossen gegenüberstehende junge Schauspieler Boris Aljinovic. Alle würden auf ihre Art Textpassagen und - fragmente aus Jarrys schwarzer, bitterböser und mehr denn je aktueller Komödie präsentieren. Was für eine Herausforderung für Musiker und Publikum! Das Abenteuer konnte beginnen...

Nach Urs Jaeggis (ebenfalls frei improvisierter!) Einführung - er hatte erst wenige Stunden zuvor erfahren, daß er für den verhinderten Alban Nikolai Herbst einspringen sollte - nehmen die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne des Podewil ihre Plätze ein - ohne Notenständer. Es gibt nichts, was man auf sie stellen könnte. Es gibt auch keinen conductor, der mit ausgeklügelten Gesten, Zeichen und Augenkontakten ein Ensemble steuert und auf bestimmte Bahnen lenkt, wie man dies von den conductions eines Butch Morris kennen mag. Nein, jeder dieser Abenteurer ist auf sich selbst gestellt, auf seine Intuition und seine Reaktionsfähigkeit.
Aus dynamisch verhaltenen vokalen und instrumentalen Fragmenten entwickelt sich ein atemberaubend spannungsvoller Bogen. Der leiseste Klang, der kaum angedeutete Laut, wird, ´richtig´ platziert, zum die Mitmusiker inspirierenden Ereignis. Die wenigen dynamischen Steigerungen und Spitzen, die sich oft in Sekunden entwickeln und ebenso rasch wieder zurückfallen, sind umso gewaltiger und erschütternder. Man fühlt sich erinnert an den aus der Malerei übernommenen und vom bahnbrechenden britischen Improvisator John Stevens auf die Musik seines Spontaneous Music Ensemble übertragenen Begriff der peripheral vision, der Wahrnehmung kleinster, scheinbar unwichtiger Details am Rande, die urplötzlich aus actio und reactio heraus eine überproportionale und nicht vorherzusehende Signifikanz annehmen.
Und so entfalten sich 45 Minuten im Wortsinn unerhörter Musik, zeitgenössischer Musik, die den abgenutzten Begriff wieder wahr werden läßt, und in deren Verlauf nach 32 Minuten etwas geschieht, was zu den großen und unvergesslichen Momenten meines Lebens gehört: Nach einem verbalen ´Ankerwurf´ von Boris Aljinovic tritt Stille ein. Wer schon einmal einige Sekunden Stille inmitten einer großen Menschenmenge erlebt hat, mag nachvollziehen können, welche Wirkung von einhundertzwanzig Sekunden währendem, atemlosen Schweigen in einem vollbesetzten Saal ausgehen kann, von Stille, die hier ein integraler Bestandteil der Improvisation darstellt.
Nun mag man vielleicht bedauern, dass nach diesen zwei Minuten spannungsvollsten Schweigens sich zunächst verhaltener, dann begeisterter Beifall regt. Aber das Publikum, das die Herausforderungen der improvisierten Musik sucht, konsumiert ja nicht einfach passiv, sondern interagiert mit den Musizierenden auf mannigfaltige Weise. In diesem Augenblick musste sich die Spannung wohl lösen, wenn auch nur für wenige Sekunden. Der Zauber wurde dadurch nicht gebrochen - im Gegenteil. Dies war die vielleicht unbewusst gesuchte Gelegenheit, um neue Kraft zu schöpfen für die fulminante Fortsetzung und Vollendung dieser erstaunlichen Improvisation. Solche frappierenden Momente, gerade auch mit all ihren Unwägbarkeiten, muß man wahrlich selbst erlebt haben, um glauben und sich vorstellen zu können, dass so etwas überhaupt möglich ist.
Obwohl der Streit darüber, ob die Technik der Aufzeichnung der improvisierten Musik angemessen sei oder nicht, wahrscheinlich nie zu Ende gehen wird, stellt diese neue CD des King Übü Örchestrü einen Glücksfall dar. Naturgemäß kann die Aufnahme die unvorstellbare Intensität des im Augenblick Erlebten nicht ganz wiedergeben. Das visuelle Moment fehlt, und die Magie des Moments, die Magie der Stille, entziehen sich in ihrer vollständigen Dimension auch der perfektesten Technologie. Zweifellos stellt die vorliegende Edition aber ein musikalisches Geschenk dar, eine künstlerische Offenbarung, die ein Leben positiv verändern kann.

Werner Merz
Dieser Text ist Helma Schleif und Wolfgang Fuchs in Dankbarkeit zugeeignet
Kontakt: werner.merz@web.de



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