© Fotos: Roberto Masotti

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FMP FREE MUSIC PRODUCTION als Zentrum der zeitgenössischen Jazzentwicklung

Patrick Landolt

Heute werden Musiker aus dem Umfeld der Berliner FREE MUSIC PRODUCTION (FMP) - der Bassist Peter Kowald, der Saxofonist Peter Brötzmann, der Pianist Alexander von Schlippenbach, der Gitarrist Hans Reichel, um nur ein paar Namen zu nennen - zu den wichtigen Erneuerern des Jazz gezählt. Bis in die frühen 60er Jahre waren es ausschließlich die Namen amerikanischer Musiker, die für die Musik stehen, die Jazz genannt wird: Duke Ellington, Thelonious Monk, Charlie Parker, Ella Fitzgerald, Billie Holiday, John Coltrane, Miles Davis, Albert Ayler, Ornette Coleman... Die Entwicklung des Jazz wurde von den Musikchronisten in zeitlich begrenzte Jazzstile gefasst und in den kulturellen Zusammenhang der USA gestellt.

Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre begann eine neue Entwicklung, welche der Schriftsteller und Musikproduzent Wilhelm E. Liefland schon damals als einen ´radikalen Bruch in der Jazzmusik´ deutete. Die mit den Avantgardebewegungen einsetzende Verfügung über künstlerische Verfahrens-weisen verschiedener Kulturen, Genres und Epochen leitete eine Öffentlichkeit ein, die den Jazz veränderte. Statt einer linearen Fortentwicklung gibt es heute im Jazz ein nebeneinander verschiedenster Stile und Innovationsrichtungen. Was zum Beispiel die Pioniere aus dem Umfeld der FMP Ende der 60er Jahre einleiteten, hat sich bis heute zu einer vielfältigen, weit ausdifferenzierten Musik entwickelt: Eine erste Bestandsaufnahme von EUROPAS JAZZ 1960 bis 1980 (Fischer Verlag), die der Musikwissenschaftler und Saxofonist Ekkehard Jost schrieb, stellt mehr als fünfzig international anerkannte Musiker und Musikerinnen vor. "Jazz, seiner Herkunft nach ein afroamerikanisches Idiom, hat sich zu einer musikalischen Weltsprache entwickelt", fasst der Musikpublizist Bert Noglik in seinem Buch KLANGSPUREN. WEGE IMPROVISIERTER MUSIK (Fischer Verlag) den Prozess der letzten 20 Jahre zusammen.

Das Berlin der FMP ist eines der bedeutendsten Zentren, welches diesen Prozess ermöglicht hat und darin dem ´Big Apple´ New York den Rang abzulaufen droht. Die FMP ist wesentlich an der Entwicklung dieser Musik beteiligt. Mit ihren zwei Standbeinen Konzerte/Festivals und Platten-/CD-Produktion (und zusätzlich seit 1.1.2000 einer eigenständigen Firma für Vertrieb & Marketing, FMP FREE MUSIC PRODUCTION Distribution & Communication, geführt von Helma Schleif, A.d.R.) hat sie die Entfaltung der zeitgenössischen Jazzmusik in Europa deutlich mitgeprägt. Die Ausstrahlung ist groß. Es sind zahlreiche Gründe zu nennen, welche als Ganzes die Bedeutung der FREE MUSIC PRODUCTION ausmachen:

Produktion und Dokumentation von aktueller Musikgeschichte

Die FMP ist, was kaum einem anderen Veranstalter oder Produzenten in Europa gelungen ist, eine Institution, die zeitgenössische Jazzmusik live präsentiert und gleichzeitig dokumentiert. Die Liste der Namen der Künstler, die FMP in Berlin live präsentierte und auf Tonträger publizierte, ist lang und spricht eine deutliche Sprache. Der Katalog von FMP ist wohl einer der künstlerisch wertvollsten Kataloge aktueller Jazzmusik überhaupt. Auch das Foto- und Tonarchiv von FMP ist von großer künstlerischer Bedeutung (Fotos: Dagmar Gebers).

Kontinuität und Erfahrung

Durch die inzwischen über 30jährige Tradition verfügt FMP heute über ein Höchstmaß an Erfahrung und Kompetenz. Die Festivals sind sorgfältig, ereignisreich und qualitativ hochstehend konzipiert, und die Platten/CDs sind hochprofessionell produziert. Die Platten und CDs von FMP verfügen über ein eigenes ästhetisches ´Design´ sowohl in klanglicher wie in visueller Hinsicht.

Berlin als Zentrum

FMP ist in den Jahren ihres Bestehens ein Zentrum für die europäische Jazzmusik geworden. Musiker und Musikerinnen aus Deutschland, England, Frankreich, Holland und der Schweiz sowie den USA spielen regelmäßig in Berlin. Der kontinuierliche musikalische Austausch ist Voraussetzung für ästhetische Entwicklung zu einer eigenständigen Musik. Gleichzeitig kommt das Berliner Publikum in den Genuss, bei den regelmäßig stattfindenden Konzerten die Entwicklung dieser Musik stetig mitverfolgen zu können.

Weltweiter kultureller Austausch

FMP hat über die Jahre den Austausch des westeuropäischen Jazz mit dem osteuropäischen und amerikanischen Jazz gepflegt. Höhepunkte in dieser Hinsicht waren in den 70er Jahren die Konzerte und Plattenproduktionen mit Musikern aus der DDR und zu Beginn der 90er Jahre die großangelegte Präsentation und CD-Produktion von Cecil Taylor, dem wohl bedeutendsten Jazzpianisten des neuen Jazz in den USA.

Eigeninitiative und Sachkenntnis

Hinter FMP steht, wie hinter jeder künstlerisch erfolgreichen Institution, ein initiativer Kopf: Der Produzent Jost Gebers führt seit Jahren mit künstlerischer Sachkenntnis, großer Eigeninitiative und bewundernswerten Durchhaltewillen die Geschicke des künstlerischen Unternehmens. Ohne Zweifel darf heute mit Recht gesagt werden, dass FMP für die Entwicklung der heutigen Jazzmusik einen äußerst wichtigen Beitrag erbringt. Es ist nicht zuletzt auch die Leistung von FMP, dass Namen von Musikern wie Peter Brötzmann, Peter Kowald, Hans Reichel, Alexander von Schlippenbach, Rüdiger Carl, Albert Mangelsdorff, Paul Lovens etc. heute in der internationalen Musikwelt einen Begriff darstellen und zu den Großen des heutigen Jazz gezählt werden. Gleichzeitig ist es FMP zu verdanken, dass in der Musikwelt von Zürich über London, Prag über Moskau, New York bis Tokio die Stadt Berlin als ein Zentrum der Offenheit, des internationalen Austausches und der künstlerischen Innovation bekannt ist.

Patrick Landolt ist Kulturredakteur der ´WochenZeitung´ in Zürich. Zürcher Journalistenpreis 1992. Er veröffentlichte u.a.: DIE LACHENDEN AUSSENSEITER. MUSIKERINNEN UND MUSIKER ZWISCHEN JAZZ, ROCK UND NEUER MUSIK. DIE 80ER UND 90ER JAHRE (Rotpunkt Verlag, Zürich).

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