© Fotos: Roberto Masotti

zurück
 
  

Offener Brief an FMP

John Corbett

Ich schreibe, um meine Bewunderung für die vielen Jahre unschätzbarer Arbeit auszudrücken, die die amerikanischen Ufer von Berlin FREE MUSIC PRODUCTION erreichte, und darüber hinaus möchte ich die Bedeutung dieser Institution für die Ökonomie und Ökologie kreativer Musik überhaupt andeuten. Als Musikjournalist (DOWN BEAT, THE WIRE, CODA, PULSE!, OPTION), DJ und US-amerikanischer Akademiker wurde mein Verständnis für europäische Musik nachhaltig durch die frühe Begegnung Peter Brötzmann, Peter Kowald, Misha Mengelberg, Han Bennink, Alexander von Schlippenbach, Paul Lovens, Globe Unity Orchestra und Irène Schweizer, alle von FMP, geprägt. In der Tat spielt diese Musik eine wichtige Rolle in meinem Berufsleben - um es auf den Punkt zu bringen: viele Musiker des FMP-Labels erscheinen in meinem Buch, EXTENDED PLAY. Während FMP seinen Musikern treu bleibt (es ist, im besten Sinne des Wortes, ein Label von und für Musiker), wird gleichwohl immer wieder auch die Musik von Nachwuchsmusikern vorgestellt; viele davon waren uns in den USA bis dahin nicht bekannt. Dadurch erhalten wir einen exzellenten Überblick über die aufregendsten europäischen - und deutschen - Musikerentdeckungen, die uns ansonsten verborgen blieben. Nehmen Sie nur den in Bochum geborenen Pianisten Georg Gräwe; er spielte erst kürzlich mit seinem GrubenKlangOrchester vor begeistertem Publikum in Nordamerika. Gräwes erste beiden Platten wurden seinerzeit von FMP veröffentlicht. Oder nehmen Sie das King Übü Örchestrü, das von dem in Berlin lebenden Holzbläser Wolfgang Fuchs geleitet wird: ihre 1993 auf FMP erschienene CD ´Binaurality´ wurde von Autor Kevin Whitehead in der US-Zeitschrift CD REVIEW enthusiastisch besprochen, der mit Recht FMP als "das hippste europäische Label" bezeichnete. FMP bringt immer wieder Musik von Brötzmann, Schlippenbach, usw. heraus, während es gleichzeitig auf dem Laufenden aktueller Entwicklungen bleibt und Talenten, die es verdienen, hilft, sich einen internationalen Ruf zu erwerben. FMP war auch ein Wegbereiter, indem sie bereits in den 70er Jahren Musik aus der DDR präsentierte, zu einem Zeitpunkt also, da kein Mensch an die Wiedervereinigung glaubte. Vieles von dem, was wir in den USA an europäischer Musik kennen, stammt von FMP, so dass es nahezu unmöglich ist, diese Musik ohne dieses Label zu betrachten. Sowohl als Veranstalter von Live-Musik als auch als Platten- bzw. CD-Produzent erweist sich FMP u.a. auch als ein Vorbild für eines der innovativsten nordamerikanischen Festivals und Plattenfirmen, Kanadas ‚Festival Musique Actuel de Victoriaville'. Ich hatte bisher siebenmal Gelegenheit, in Victoriaville dabei zu sein, und immer wieder beeindruckte es mich, wieviel das Festival und das Label in Aufmachung, Programm und Geist Jost Gebers und seiner Free Music Vision verdanken. Während für das amerikanische Publikum seine Hauptaufgabe wohl in der Produktion und Promotion großartiger europäischer Musik zu suchen sein mag, brachte FMP uns nicht zuletzt auch einige Dinge über uns selbst zu Bewußtsein. Die Serie von Cecil Taylor Projekten, die FMP zusammenstellte (besonders die luxuriöse 11-CD-Kassette von 1988) brachten diesem Label einen Platz in der amerikanischen Jazzgeschichte ein. Dafür erhielten sie eine überwältigende Resonanz der Kritik und üben damit immer noch einen starken Einfluss aus. Es versteht sich von selbst, dass 1988 kein US-Label waghalsig und vorausschauend genug war, um Cecil Taylors Bigband-Musik aufzunehmen, geschweige denn zahlreiche Duos mit europäischen Perkussionisten oder ein Duo mit dem englischen Meistergitarristen Derek Bailey (meine Lieblings-CD von 1989) oder gar ein Trio mit Evan Parker und Tristan Honsinger. Dieser Herausforderung stellte sich einzig FMP, nicht anders als im letzten Jahr, als es darum ging, die besten Aufnahmen von und mit Charles Gayle zu veröffentlichen.
 
FMP ist das deutsche Platten- und CD-Label schlechthin. Meiner Meinung nach stellt FMP darüber hinaus seit Mitte der 60er Jahre einen der wichtigsten Beiträge zeitgenössischer Musik dar. Free Music Production ist ein einmaliges Forum für musikalische Experimente und sollte als wegweisende Kulturinstitution Anerkennung finden. In den USA wäre so etwas natürlich undenkbar. Laßt uns darum hoffen, dass Ihr Europäer klüger seid als wir!

John Corbett Buchautor von ‚Extended Play'
Übersetzung: Audd Itta Sauer und Bruce Carnevale

zurück