© Fotos: Roberto Masotti

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Zur Bedeutung von FMP FREE MUSIC PRODUCTION im Prozess kultureller Entwicklungen zwischen Ost- und Westdeutschland

Dr. Bert Noglik

Seit Anfang der 70er Jahre wirkte FMP Free Music Production von West-Berlin aus als ein kultureller Faktor in die DDR hinein. FMP trug dazu bei, eigenständige Entwicklungen im Osten zu ermutigen und mit internationalen Strömungen in Verbindung zu bringen. Die Aktivitäten von FMP wurden von zahlreichen Intellektuellen in der DDR als Alternative zu Kommerz und als Kompromiss mit den Erwartungen der ostdeutschen Kulturbürokratie begriffen. Unter den Vorzeichen allgemeiner Abschottung durch die DDR-Machthaber kam den zeichen eines kulturellen Engagements aus dem Westen erstrangige bedeutung zu.
 
Die Konsequenz und Qualität der FMP-Produktionen und Veranstaltungen stießen - auch wenn sie in der DDR nur vermittelt wahrgenommen werden konnten - in der Kulturszene der DDR auf großes Interesse. FMP Free Music Production bahnte überdies auf vielfältige Weise Kontakte zwischen ostdeutschen Musikern und ihren westdeutschen bzw. westeuropäischen Kollegen an. Durch ihre konsequente Orientierung auf improvisierte Musik mit einem hohen Grad an Authentizität setzte sie auch für Jazzmusiker wie für einige Komponisten Neuer Musik in der DDR Orientierungspunkte.
 
Die seit Anfang der 70er Jahre in der DDR erspielten Freiheiten und deren differenzierte Ausgestaltung in einem langen Prozess wurden wesentlich durch die Aktivitäten von FMP beeinflußt. Nicht im gleichen Maße reglementiert wie literarische oder bildkünstlerische Produktionen in der DDR, gelang es einem wesentlich von FMP beeinflussten Kreis von Musikern, Anschluss an internationale Entwicklungen zu finden und zugleich eine im eigenen Umfeld verankerte Identität auszuprägen.
 
FMP ermöglichte Begegnungen und initiierte bereits Anfang der 70er Jahre Reisen westdeutscher bzw. westeuropäischer Musiker/innen nach Ost-Berlin. Im Rahmen der Möglichkeiten - oftmals nur in der Spanne eines Tagesvisums - ergaben sich fortgesetzte Kommunikationsprozesse, auch informelle musikalische Begegnungen, aus denen im Laufe der Jahre zahlreiche Anregungen wie auch spätere Gruppenkonstellationen erwuchsen.

Stets auch um die Dokumentation musikalischer Entwicklungen bemüht, bahnte Jost Gebers bereits 1972 Kontakte zum Rundfunk der DDR an. Unter schwierigen Bedingungen gelang es, Lizenzen von Aufnahmen des DDR-Rundfunks zu erwerben und auf diese Weise eine Musik, die im Osten noch immer dem Mißtrauen der Kulturbehörden ausgeliefert war, im Westen auf Schallplatten zu produzieren. Für die Musiker in der DDR bedeutete das eine enorme Anerkennung und Ermutigung; und selbst mit kleinen Auflagen wurde ein beachtliches Feedback im Osten erreicht.

Später kam es dann, ebenfalls auf Initiative von Jost Gebers, zu einer Reihe von Ko-Produktionen zwischen FMP und dem VEB Deutsche Schallplatten in Ost-Berlin. Durch das beharrliche Bemühen von FMP wurde es möglich, Musiker aus der DDR auch live auf westlichen Podien vorzustellen und FMP-eigene Produktionen zu realisieren. Dass sich Ende der 70er Jahre die Reisebeschränkungen für einige Jazzmusiker aus der DDR allmählich zu lockern begannen, ist wesentlich auf das unablässige Engagement von FMP zurückzuführen. Immer wieder wurden beispielhafte Zeichen gesetzt, die im Westen Aufsehen erregten und im Osten sehr genau registriert worden sind.

Die von FMP 1979 in West-Berlin veranstaltete Konzertfolge ‚Jazz Now' stellte zum ersten Mal ein für bestimmte innovative Entwicklungen in der DDR repräsentatives Programm mit einer Vielzahl von Musikern im Westen vor. Seit dieser Zeit wurden immer wieder Jazzmusiker aus der DDR in die zumeist international konzipierten Konzert- und Veranstaltungsreihen von FMP integriert.

Ohne die Aktivitäten von FMP wären wesentliche Phasen der musikalischen Entwicklung in der DDR gänzlich ohne Dokumentation geblieben. Insbesondere jene Strömungen improvisierter Musik, die sich in der DDR erst gegen die Vorbehalte der Kulturpolitik durchsetzen konnten, wurden von FMP nach Kräften und Möglichkeiten auf Schallplatten festgehalten und verbreitet. Im FMP-Katalog finden sich so Zeugnisse nahezu aller herausragender Musiker der DDR im Umkreis von zeitgenössischem Jazz/improvisierter Musik: Conrad Bauer, Ernst-Ludwig Petrowsky, Ulrich Gumpert, Günter Sommer, Johannes Bauer, Helmut ‚Joe' Sachse, Manfred Schulze und viele andere.

Im Unterschied zu kultureller Einflussnahme westlicher Institutionen, die auf kurzfristige Wirkungen oder konkrete politische Ziele gerichtet war, verfolgte FMP stets eine langfristige Ermutigung ostdeutscher Musiker wie auch des um sie gescharten Publikums. Sie unterstützte ein auf der Basis musikalischer Qualität und Authentizität beruhendes Netzwerk persönlicher Kontakte, das sich auch in der Gegenwart als tragfähig, produktiv und inspirierend erwies. Im Unterschied zu vordergründig angelegten Kampagnen setzte FMP Free Music Production Prozesse in Gang, die die europäische Kulturlandschaft nachhaltig mitprägen.

Dr. Bert Noglik, Leipzig, ist Musikwissenschaftler, Autor, Rundfunkpublizist, und Leiter des Jazzfestivals Leipzig. Buchpublikationen u.a.' Jazz im Gespräch (Verlag Neue Musik), Jazz-Werkstatt International (Rowohlt), Klangspuren - Wege improvisierter Musik (Fischer Verlag).

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